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Sie haben uns die Kindheit genommen


Von Gerald Lippert
„Du musst funktionieren, irgendwie versuchen durchzukommen. Das war mein täglicher Überlebensgedanke. Als Kerstin Gueffroy als Zeitzeugin den Schülern und Jugendlichen des Sonderpädagogischen Förderzentrums (SFZ) Selb von ihren grausamen Erfahrungen in DDR-Kinderheimen berichtete, herrschte völlige Stille und große Betroffenheit in der Aula der Siebensternschule.
Einen kompletten Schulvormittag gewann Gueffroy, die in Berlin lebt, die Aufmerksamkeit der Siebensternschüler aus den Klassen sieben bis neun und der Jugendlichen von der SFZ-Außenstelle Franken, als sie ihnen auf sehr persönliche und emotionale Weise erzählte, wie ihr die gesamte Kindheit unter drastischen Umständen genommen wurde. Immer wieder merkte man ihr dabei an, wie sehr sie die Erinnerungen noch heute belasten.
Als eines von vier Kindern wuchs sie bei einer überforderten Mutter auf, die sie zunächst in eine psychiatrische Kinderklinik einweisen ließ. Sie wurde von der Mutter dann zur Adoption freigegeben, was Gueffroy nicht wusste, und wurde am Ende ihrer Jugendzeit dem staatlichen DDR-System der Heime und Jugendwerkhöfe überlassen. Mit 16 Jahren landete sie schließlich im Vollzug des gefürchteten „Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau, einem früheren Gefängnis, das es seit den 50er Jahren gab und das von Margot Honecker eingerichtet wurde. Bis zu sechs Monate blieben die Jugendlichen dort.
„Schlimmer als Knast lautete der Titel einer Dokumentation über Kinder- und Jugenderziehungsheime der DDR, den Kerstin Gueffroy ihren eigenen Erzählungen voranstellte. Darin gaben Betroffene und Erzieher ihre völlig unterschiedlichen Sichtweisen zum Leben in den Heimen wieder.
„In den Jugendwerkhof Torgau kamen Jugendliche, die sich der Erziehungsnorm in normalen Heimen nicht angepasst haben, also sogenannte schwer Erziehbare, erklärte Gueffroy. Meist wurden sie von den Eltern selbst dem DDR-Staatssystem zur Erziehung übergeben. Ziel der Umerziehung war es, die Eigenheiten im Denken der Jugendlichen zu ändern und sie zu sozialistischen Persönlichkeiten zu formen. „Damit hat man mir und allen anderen Heim-Jugendlichen die Kindheit genommen. Sie haben uns gebrochen.
Am Beispiel der Einweisungsprozedur in Torgau verdeutlichte Gueffroy den Siebensternschülern nur einige der Qualen der DDR-Heimkinder. Nachdem sich die doppelten Schleusentore geschlossen hatten, stiegen die Neuen im von sechs Meter hohen Mauern umgebenden Innenhof aus dem Zubringerbus aus. Ohne Worte ging es weiter zur Umkleidekammer. „Alles ausziehen! lautete der schockierende Befehl bevor es zum Duschraum ging. „Hier ist jetzt Endstation, so dachte die Zeitzeugin in Erinnerung an Erzählungen, die man über die Judenvernichtung hörte. Besonders peinlich war zusätzlich, das Mädchen dabei von männlichen und Jungen von weiblichen Erziehern beaufsichtigt wurden. „Es gab, wie auch sonst, nur kaltes Wasser und eine auf der Haut brennende Desinfektionspaste. Zusätzlich wurden uns aus hygienischen Gründen die Haare abrasiert.
Danach bekam sie die unbequeme Heimkleidung und ein dreitägigen Aufenthalt in einer Einzelzelle (sieben Quadratmeter), auch Begrüßungszelle genannt, schloss sich an. Außer einer Holzpritsche, die tagsüber hochgeklappt wurde, damit man sich nicht hinlegen konnte, einem Stuhl, einem kleinen Fenster und einem Zettel mit der Heimordnung gab es dort nichts. „Demütigung, Erniedrigung, körperliche Qualen, Gruppendruck und auch sexuelle Übergriffe waren normal. Es gab keinerlei Privatsphäre, bestätigte Gueffroy den Schülern auf ihre Fragen. Es herrschte 24 Stunden Sprechverbot und alles geschah im Laufschritt. Mädchen und Jungen waren streng getrennt.

Strafen für kleinstes Fehlverhalten waren für die bis zu 60 Heiminsassen im Alter von 14 bis 18 an der Tagesordnung und zwar nach dem Prinzip der Selbsterziehung: Für das vermeintliche Vergehen eines Jugendlichen wurde die ganze Gruppe bestraft. Beliebtes Strafmaß waren der „Entengang bis zu 30 Mal über drei Etagen des Treppenhauses oder der „Torgauer Dreier: Liegestütz, Hocke und Hockstrecksprung bis zu 300 Mal, wie Leistungssportler. Ein Siebensternschüler probierte die Strafe  freiwillig aus. Sogar für die Toilettengänge gab es feste Zeiten, man ging im Kollektiv und die WCs hatten weder Trennwände noch Türen – alles unter Beaufsichtigung. Nachts gab es nur einen Chloreimer für die Fäkalien im abgeschlossenen Gruppenschlafraum.
Kerstin Gueffroy berichtete auch über Suizidversuche, über Jungen und Mädchen, die Schrauben oder Nadeln aus der Werkstatt, in der sie tagsüber arbeiten mussten,  geschluckt hatten, weil sie es nicht mehr aushielten. Mindestens vier Suizide sind in Torgau belegt. Frau Gueffroy hatte auch Originalutensilien aus dem Jugendheimwerk Torgau dabei. Den schweren Schlüsselbund, mit dem es Schläge auf den Kopf gab, die Handschellen zum Anketten am Gitter im Gang oder den Schlagstock „für die Weichteile. Rund 5000 damalige Jugendliche sind bis heute dadurch fürs Leben gezeichnet.
Die Berlinerin leidet nach vielen harten Therapien heute noch unter den psychischen und körperlichen Folgen der DDR-Erziehung. Rheumatische Beschwerden und Ängste in manchen Alltagssituationen sind ihr geblieben. Den Siebensternschülern gab sie mit auf den Weg: „Achtet auf das Miteinander! Macht etwas für euch und findet eine Perspektive in Freiheit! Geht später zu jeder Wahl, denn nur das gesamte Volk kann die Zukunft eines Landes bestimmen. In Erinnerung an die dunkle Seite der DDR
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Jugenderziehung forderte Gueffroy: „Es darf nie wieder auch nur ansatzweise dazu kommen, dass Kinder oder Jugendliche, die keine Straftat begangen haben, in solche Einrichtungen kommen.
Schulleiter Jörg Herzig dankte der Zeitzeugin mit einem Porzellangeschenk für ihren äußerst informativen Besuch in der Siebensternschule. Schulsprecher Maximilian Meier brachte es auf den Punkt: „Ich finde es sehr mutig, dass Sie uns über ihre schlimmen Erfahrungen berichtet haben.
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Kerstin Gueffroy aus Berlin berichtete den Schülern der Siebensternschule Selb über ihre grausame Zeit im Jugendwerkhof Torgau. Auch Originalutensilien, wie die Handfesseln, hatte sie mitgebracht.
Jörg Herzig, Schulleiter der Siebensternschule Selb und Schulsprecher Maximilian Meier dankten Zeitzeugin Kerstin Gueffroy aus Berlin für ihre emotionalen Erinnerungen an das Leben im Jugendwerkhof Torgau.